Das Theater Essen Süd überzeugt wieder einmal durch ein (viel)stimmiges Gastspiel

Wenn das lyrische Ich in Gertrude Steins „Sacred Emily” felsenfest behauptet, dass eine Rose eine Rose (eine Rose) sei, dann passt das eigentlich gar nicht auf Kleists „zerbrochnen Krug”. Denn in dem als Lustspiel getarnten Problemstück wird der titelgebende Krug mit so viel Bedeutung vollgestopft, dass er allein daran zerborsten wäre. Das Theater Essen Süd hatte sich also keinen einfachen Stoff ausgesucht, um das abiturrelevante Werk für die Jahrgangsstufe Q1 ins Heute zu holen. Doch das gelang erstaunlich gut: Bereits nach wenigen Minuten legte das Ensemble den Kern des Stücks für die angehenden Abiturientinnen und Abiturienten frei. Denn wie der Krug der symbolischen Beliebigkeit anheimfällt, verlieren auch die Figuren ihr moralisches Zentrum.

Schauplatz ist das Dorf Huisum, wo es zunächst so idyllisch zugeht wie einst im Hafenstädtchen Seahaven aus der „Truman Show“. Dass jedoch alles Fassade ist und die scheinbare Harmonie auf einer androzentrischen Hierarchie beruht – der Richter ein Schurke, der zukünftige Ehemann ein eitler Tropf und der Gerichtsrat ein Wolf im Schafspelz –, erschließt sich der Geschädigten Eve erst nach und nach. Die daraus entstehenden Irrungen, Wirrungen und Zerwürfnisse inszeniert das Ensemble des Theaters Essen Süd mit ständigen Rollenwechseln. Durch diesen Bruch der Erzählebene zerfasert das Bild von Schuld wie Farbe und Form im Kaleidoskop.

     
     
     
 
     

Zweifelsohne ist Adam der Täter. Aber weiß Gerichtsschreiber Licht das nicht längst? Verschweigt er die Wahrheit aus Opportunismus? Warum steht Ruprecht nicht zu seiner Verlobten – dem Opfer –, sondern beschimpft sie? Und weshalb fordert Gerichtsrat Walter nach dem für Eve günstigen Urteil einen Kuss von ihr? Gerade diese Fragen zeigen, dass sich moralisches Versagen keineswegs auf Adam beschränkt.

Die Abweichungen vom ethischen Normalnull sind so zahlreich, dass auch das Ensemble die Grenzen zwischen Figuren und Dingsymbolen immer wieder verwischt. Mützen bezeichnen plötzlich Menschen, Gegenstände werden erst durch Schrift zu Realität und der Krug erscheint gemeinsam mit Frau Marthe sogar doppelt – als wäre selbst das Titelsymbol weder einzigartig noch unersetzbar. Wenn schließlich eine der wenigen objektiven Realitäten darin besteht, dass die Protagonistin trotz ihres juristischen Erfolgs gefangen in dieser zwielichtigen Gesellschaft ist und nicht wie Truman die Tür zum Ausgang öffnen kann, dann hat das Theater Essen Süd die vielen Ebenen des Stücks virtuos ins 21. Jahrhundert vermittelt.

Text: Sonja Klever

 

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15
  • 16
  • 17
  • 18
  • 19
  • 20
  • 21
  • 22

Prinzenstrasse